Interview Fabriksoftware
Das Wissen im Blick ─ Interview mit Thomas Hösle, Geschäftsführer der ELABO GmbH | Bildnachweis: ELABO GmbH

Das Wissen im Blick

In der Ausgabe 04.2019 der Fachzeitschrift Fabriksoftware erschien ein Interview mit Thomas Hösle über die Lösungen von ELABO zu Themen wie Fachkräftemangel, kürzer werdenden Produktlebenszyklen und einer steigenden Produkt- und Prozesskomplexität.

Produzierende Unternehmen stehen immer kürzeren Produktlebenszyklen und einer steigenden Produkt- und Prozesskomplexität gegenüber. Dadurch bedingt ist eine ständige Anpassung der Prozesse notwendig, die Mitarbeitenden müssen sich an neue Aufgaben gewöhnen, ständig neues Lernen und das vorhandene Wissen erweitern. Im Interview mit Thomas Hösle, Geschäftsführer bei der ELABO GmbH fragt Fabriksoftware nach Möglichkeiten, um diesen Herausforderungen erfolgreich zu begegnen.

Herr Hösle, wechselnde Arbeitsanforderungen stellen produzierende Unternehmen vor massive Herausforderungen. Welche begegnen Ihnen?
Wir stellen fest, dass die Individualisierung von Produkten nach Kundenanforderungen auch im B2B-Geschäft stetig steigt und damit zu einem wesentlichen Treiber des digitalen Wandels geworden ist. Damit einher geht die Herausforderung, sich vor allem in der Produktion so aufzustellen, eine bestmögliche Wandlungsfähigkeit zu gewährleisten. Somit steigen die Anforderungen hinsichtlich Flexibilität sowohl an die Mitarbeiter als auch an das Equipment in den Produktionshallen.

Für uns hat die Beherrschung der steigenden Komplexität auf dem Shopfloor daher eine doppelte Tragweite: zum einen für unsere eigene Produktion, zum anderen für unsere Kundenlösungen. Wir profitieren allerdings von dieser Doppelrolle, da wir getreu der Devise „drink your own champagne“ nicht nur hoch kompetitive Hard- und Softwarelösungen anbieten, sondern auch selbst in unserer eigenen Wertschöpfung testen können, um zu sehen, wo der Schuh eventuell noch drückt.

Stichwort Komplexität: Wäre es nicht sinnvoller, die Komplexität einzudämmen oder komplett zu vermeiden?
Komplexität sollte man nicht prinzipiell verteufeln. Auch wir lassen mit einer sehr hohen Produktvarianz bewusst Komplexität zu, um damit möglichst vielen individuellen Kundenanforderungen gerecht zu werden. Somit steigen die Markt- und Absatzchancen enorm. Die Herausforderung ist natürlich, dass die auf der Marktseite praktizierte Komplexität in der Auftragsabwicklung und vor allem in der Produktion beherrschbar bleibt. Genau an dieser Stelle setzen wir bei ELABO mit unserer Fabriksoftware ELUTION®an.

Welche digitalen Lösungen bieten Sie nun konkret an, damit Unternehmen ihre Agilität steigern?
Mit unserem sogenannten SES-Ansatz (Shopfloor Execution System) zielen wir darauf ab, dass individuell gestaltete Arbeitsplatz- und Montagesysteme mit Prozessoptimierungen und einer auftragsbezogenen Inhouse-Logistik bestmöglich harmonieren. So wird bei der Optimierung der dort stattfindenden Kundenprozesse geholfen.

Wir steigern die Transparenz und Traceability, da unsere Fabriksoftware als Smart Data-Lösung automatisiert alle prozessbezogenen Daten sammelt und archiviert. Damit erbringen wir übrigens die erforderliche Vorarbeit, um in einer nächsten Phase über Algorithmen – Stichwort: Künstliche Intelligenz – Entscheidungen zu optimieren, also Daten in Wissen zu transformieren.

Über unser Tool zum Varianten-Management leisten wir einen essentiellen Beitrag zur Beherrschung der steigenden Komplexität aufgrund der zunehmenden Produktvarianz. Auch für zigtausend Varianten wird nur ein Masterplan für die Montage erstellt. Über die Echtzeit-Kommunikation mit ERP- und MES-Systemen erhält der Werker immer zur relevanten Zeit die relevanten Montage-Informationen auf Basis der jeweiligen Stückliste für die einzelne Variante.

Über unsere individuelle digitale Assistenz (idA) werden die Werker Schritt für Schritt durch die Arbeitsprozesse geführt. Somit können auch weniger qualifizierte Mitarbeiter stressfrei auf Anhieb 100 Prozent qualitäts- und vorgabegerecht die jeweiligen Arbeitsschritte ausführen, egal an welchem Standort auf der Welt. Neben einer hohen Produktivität profitieren unsere Kunden von einer fehlerfreien Produktion und einer extremen Flexibilität hinsichtlich des Mitarbeitereinsatzes.

Häufig werden erworbenes Wissen und Erfahrungen von den Mitarbeitern nicht dokumentiert oder weitergegeben. Vielmehr wird viel Wissen von wenigen Experten gesammelt. Das führt dazu, dass langjährig aufgebautes Wissen gemeinsam mit dem Mitarbeiter in Rente geht und dem Unternehmen somit fehlt. Wie sollen Unternehmen damit umgehen?
Die Herausforderung besteht darin, dieses wertvolle Wissen und erworbene Kniffe unabhängig vom Mitarbeiter im Unternehmen verfügbar zu machen. Hier kommt ein weiterer essentieller Vorteil von digitalen Assistenzsystemen zum Tragen. Die Expertise von bewährten Fachkräften wird systematisch erfragt, da diese Mitarbeiter beim Erstellen der digitalen Arbeitsanweisungen involviert werden. Neben dem Vorteil der Konservierung des Spezial-Know-Hows ist damit auch eine hohe Wertschätzung des Mitarbeiters verbunden, dessen Erfahrungswissen den nachfolgenden Mitarbeitern erhalten bleibt. Für viele Experten ein nicht zu unterschätzendes Zeichen der Anerkennung!

Ist der Erstellungsaufwand dieser digitalen Arbeitsanweisungen nicht sehr hoch?
Ja, die Erstellung ist mit einem Initialaufwand verbunden, keine Frage. Da aber bei den meisten Unternehmen die Pareto-Regel gilt, sollte man sich auf die 20 Prozent der Produkte konzentrieren, die 80 Prozent des Umsatzes generieren. Das heißt: Konzentration auf die Rennerprodukte – hier amortisiert sich der Einmalaufwand der Erstellung in kurzer Zeit über die häufige Anwendung. Intelligente Lösungen können dabei helfen, über einen Konfigurator zumindest Teile der digitalen Arbeitsanweisung bereits automatisiert zu erstellen. Diese Amortisation des Erstellungsaufwands zeigt sich auch sehr anschaulich an einem weiteren Aspekt: Gerade in Teams, wo immer wieder neue Mitarbeiter integriert werden, wird ein beachtlicher Teil der Arbeitszeit der „Altvorderen“ damit belegt, dass sie die Neuankömmlinge unterweisen und immer wieder für Rückfragen zur Verfügung stehen.

Dies geht zu Lasten der Produktivität und der Motivation der Fachkräfte. Mit Hilfe von digitalen Assistenzsystemen können neuen Mitarbeiter selbstständig agieren. Das wiederum bewirkt auch eine ausgeprägte Zufriedenheit bei den einzulernenden Mitarbeitern.

Ist also die Einführung digitaler Tools der Königsweg für Effizienzsteigerungen, zum Beispiel auch in der klassischen Manufaktur?
Auch wenn wir gerne unsere praxiserprobten Digitallösungen verkaufen, so ist auch für uns klar, dass bei aller Digitalisierungs-Euphorie unverändert das Prinzip des gesunden Menschenverstands gilt. Dort, wo mit der Einführung digitaler Assistenzsysteme qualitativ oder quantitativ messbarer Nutzen realisiert wird, sollten sie eingeführt werden. Dort, wo diese Lösungen keinen oder noch keinen Nutzen bringen, sollten sie das nicht.

Allerdings gilt auch hier das James-Bond-Motto „Sag niemals nie“. Die entscheidende Frage ist letztendlich, welche Voraussetzungen erfüllt sein müssten, damit der Einsatz digitaler Assistenzsysteme sinnvoll und nutzenstiftend ist.

Bietet die Werkerführung auch die Möglichkeit, dem sich abzeichnenden Fachkräftemangel entgegenzuwirken?
Unternehmen stehen vor der Herausforderung eines doppelten Spagats. Auf der einen Seite verschärft sich der Fachkräftemangel, der „war for talents“ ist entbrannt. Auf der anderen Seite werden durch die weiter fortschreitende Automatisierung und Digitalisierung insbesondere weniger qualifizierte Mitarbeiter ihre Jobs verlieren. Es existieren Studien, nach denen jeder neue Roboter den Job von 1,6 Arbeitnehmern ersetzt. In den kommenden Jahren sollen so weltweit 20 Millionen Jobs entfallen.

Gerade der Industriestandort Deutschland steht vor der gewaltigen Challenge, diese Menschen, die aufgrund der genannten irreversiblen Entwicklungen ihre Jobs verlieren werden, wieder dem Arbeitsmarkt zuzuführen. Ein wesentlicher Schlüssel für die Lösung dieser Problematik liegt in der Qualifikation der Menschen, insbesondere in der Vermittlung digitaler Kompetenzen. Hier stoßen wir aber auf ein weiteres Dilemma. Studierte Arbeitnehmer mit wenigen Routinetätigkeiten bilden sich mit sechsmal höherer Wahrscheinlichkeit fort als Beschäftigte ohne abgeschlossene Berufsausbildung. Also müssen wir auch alternative Lösungen finden, die keine intensiven Aus- und Weiterbildungsanstrengungen der weniger qualifizierten Mitarbeiter erfordern. Ganz abgesehen davon, dass noch geklärt werden müsste, was genau denn unter Vermittlung digitaler Kompetenzen zu verstehen ist. Jetzt kommt wieder der Aspekt der digitalen Assistenzsysteme ins Spiel. Dank dieser „Navigationssysteme für Arbeitsschritte“ werden weniger qualifizierte Beschäftigte in die Lage versetzt, anspruchsvolle (Fachkräfte-)Tätigkeiten auszuüben. Aus meiner Sicht müsste die Auseinandersetzung mit der skizzierten Problematik und den beiden Lösungswegen über Qualifikation und gezielte Nutzung digitaler Assistenzsysteme weitaus mehr Raum in der öffentlichen Diskussion über die Zukunftsfähigkeit des Industriestandorts Deutschland einnehmen als bisher.